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Fusion und Flugtaxis – Wie Science Fiction Literatur die Politik beeinflusst
Fusionskraftwerke, Flugtaxis und Carbon Dioxide Removal – Wie Science Fiction Literatur die Politik beeinflusst
Science-Fiction erschafft nicht nur weit entfernte Universen in unserer Vorstellungskraft, sondern beeinflusst auch die realen politischen und gesellschaftlichen Strukturen, in denen wir leben. Der Einfluss von SciFi-Literatur und -Medien auf die Politik ist subtil, aber weitreichend – besonders in einer Zeit, in der ein Generationenwechsel die Machtzentren umkrempelt.
Die Generation X, die derzeit die Boomer ablöst, ist mit ikonischen Werken wie Star Trek, Star Wars, Philip K. Dick und Shadowrun aufgewachsen. Diese Geschichten waren nicht nur spannend und unterhaltsam, sondern pflanzten auch Ideologien, Zukunftsvisionen und technologische Träume in die Köpfe einer ganzen Generation ein.
Doch wie genau beeinflusst SciFi unsere politischen Entscheidungen, und warum werden Luftschlösser wie Fusionskraftwerke, Flugtaxis oder Carbon Dioxide Removal - bar jeder Logik - oft so unkritisch akzeptiert?
SciFi als ideologischer Anker
SciFi hat die Fähigkeit, komplexe Ideen in spannende Narrative zu verpacken. Visionen wie interstellare Reisen, künstliche Intelligenz oder autarke Kolonien auf dem Mars sind dadurch längst Teil des kollektiven Bewusstseins. Diese Bilder sind so tief verwurzelt, dass sie politische und wirtschaftliche Entscheidungen prägen, ohne dass wir es bewusst wahrnehmen. Die aktuelle Führungsgeneration, aufgewachsen in einer Zeit, in der SciFi zum Mainstream wurde, sieht in Technologien wie Fusionsenergie oder urbanen Flugtaxis nicht nur technische Herausforderungen, sondern auch die Erfüllung eines kulturellen Versprechens: die Zukunft, die in ihrer Jugend nur imaginiert werden konnte, endlich Wirklichkeit werden zu lassen.
Diese tief verankerte Akzeptanz erklärt, warum solche Technologien oft trotz mangelnder wirtschaftlicher oder technischer Plausibilität gefördert werden. Fusionskraftwerke, die seit Jahrzehnten „kurz vor der Vollendung“ stehen sollen, oder Flugtaxis, die mit enormen infrastrukturellen und regulatorischen Hürden zu kämpfen hätten, werden nicht nur als technische Projekte betrachtet, sondern als Symbole für Fortschritt. Sie sind Teil eines narrativen Rahmens, den SciFi geschaffen hat: der Glaube, dass Technologie jede Krise lösen kann, von der Klimakatastrophe bis zur Krebsheilung.
SciFi als Erlösungserzählung
SciFi bietet aber nicht nur faszinierende Zukunftsvisionen, sondern dient oft als Erlösungserzählung, die uns von den Konsequenzen unserer gegenwärtigen Handlungen entlastet. SciFi-Technologien wie Carbon Dioxide Removal, Fusionskraftwerke oder interstellare Kolonien werden oft als Allheilmittel für Probleme wie Klimakrise, Ressourcenknappheit oder soziale Ungleichheit dargestellt. Diese Narrative suggerieren, dass wir im Hier und Jetzt weiterhin ungebremst konsumieren, verschmutzen oder Ungleichheiten ignorieren können, weil die Zukunft – inspiriert von Star Trek oder The Expanse – technologische Lösungen bereithält. Solche Erzählungen sind verführerisch, da sie die Verantwortung auf eine hypothetische Zukunft verschieben und uns von der Notwendigkeit unmittelbarer Veränderungen ablenken. Doch diese Glorifizierung zukünftiger Entwicklungen birgt die Gefahr, dass wir die Probleme, die wir heute verursachen, lediglich aufschieben, statt sie anzugehen.
Konkretes Beispiel: Carbon Dioxide Removal (CDR)
Aktuell blasen wir durch die Verbrennung Fossile Energieträger pro Jahr ca. 20 Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre. Tendenz trotz Klimakonferenzen und Ausbau erneuerbarer Energien weiterhin steigend. Schon heute müssten wir somit rund 600 Milliarden Tonnen CO2 aus der Atmosphäre entfernen, um das Klima wieder zu stabilisieren. (Stand Aktuell: 428ppm , Ziel: 350ppm, 1ppm=7,8 Gigatonnen)
Best Case Szenarien rechnen 2050 mit einer CDR Kapazität von 10 Milliarden Tonnen pro Jahr. Selbst ohne Mathematikstudium sollte man relativ schnell erkennen, dass selbst das Best Case Szenario absolut unrealistisch und unzureichend ist.
Also:Statt ALLES dafür zu tun, diese Emissionen im Hier und Jetzt so schnell wie möglich zu senken, verbrennen wir lieber Geld und investieren es stattdessen in Wunschtraum- bzw, Sci-Fi Technologie.
TESCREAL und die Macht der SciFi-Elite
Noch spannender wird es, wenn wir die Menschen an den „Schalthebeln der Macht“ betrachten. Der Begriff TESCREAL (Transhumanismus, Extropianismus, Singularitarismus, Kosmismus, Rationalismus, Effective Altruism, Longtermism) beschreibt eine Ideologie, die stark von SciFi-Visionen durchdrungen ist. Figuren wie Elon Musk, dessen Name, laut seinem eigenen Vater, von Wernher von Brauns Marskolonie-Führer „the Elon“ inspiriert sein soll, verkörpern diesen Versuch, SciFi in die Realität zu überführen. Musks Projekte – von SpaceX bis Neuralink – lesen sich wie ein Drehbuch für einen SciFi-Roman. Doch er ist nicht allein.
Viele Akteure in Tech und Venture Capital, die die politische Landschaft prägen, teilen eine Affinität zu libertären und transhumanistischen Ideen, die in SciFi-Werken wie Dune oder Neuromancer vorgezeichnet wurden.
Diese elitären Akteure sind nicht nur von SciFi beeinflusst, sondern nutzen sie auch bewusst, um ihre Visionen zu legitimieren. Die Erzählung von der technologischen Utopie – oder Dystopie, je nach Perspektive – dient als Werkzeug, um politische und gesellschaftliche Unterstützung zu mobilisieren.
Auch Libertäre Netzwerke wie das Atlas Netzwerk, die oft mit TESCREAL-Ideologien überlappen, fördern eine Weltanschauung, in der Konzerne und Individuen über staatliche (demokratische) Strukturen gestellt werden. SciFi Narrative bietet hierfür die perfekte Plattform: Geschichten von mächtigen Konzernen (Shadowrun), unabhängigen Kolonien (The Expanse) oder charismatischen Anführern (Star Wars) resonieren mit diesen Ideologien und machen sie für ein breites Publikum zugänglich.
SciFi als Propagandatool?
Die Idee, dass SciFi als ideologisches Worldbuilding oder gar als Propaganda dient, ist keineswegs abwegig.
Ein Beispiel: Octavia Butlers “Parable of the Talents”, dass sich wie ein Werbeprospekt der Longtermists liest. Im Buch sind die Klimakatastrophe und ihre Folgen, die den großteil der Handlung bestimmen, am Ende einfach so, wie durch ein Wunder wieder vorbei, der Faschismus wird auf juristischem Weg besiegt und in bester “Ende gut, alles gut” Manier, fliegt die Menschheit zum Schluss in Generationsraumschiffen in die Sterne.
TESCTREAL ick hör dir trapsen!
Ob bewusst oder unbewusst: solche Geschichten prägen das Weltbild ihrer Leser*innen. Besonders privilegierte Jugendliche, die in Machtstrukturen hineinwachsen, könnten in SciFi-Welten, in denen Konzerne oder Imperien dominieren, eine Blaupause für ihre eigenen Ambitionen finden. Die Faszination für das „Imperium“ oder die Rolle des „CEOs“ spiegelt sich in der realen Welt wider, etwa in der Glorifizierung von Tech-Milliardären.
Die Vermutung, dass SciFi als langfristiges Propagandatool genutzt wird, mag spekulativ klingen, ist aber nicht von der Hand zu weisen. Narrative sind mächtig. Sie formen nicht nur individuelle Überzeugungen, sondern auch kollektive Ziele und Visionen. Wenn libertäre oder neoliberale Ideen in spannende Geschichten verpackt werden, können sie über Jahrzehnte hinweg kulturelle Hegemonie aufbauen. Ein Blick auf die Popularität von Ayn Rands Atlas Shrugged – ein Werk, das SciFi-Elemente mit libertärer Ideologie verbindet – zeigt, wie effektiv solche Strategien sein können.
Schwurbelig, aber relevant
SciFi ist mehr als Unterhaltung; es ist ein Spiegel unserer Ängste, Hoffnungen und Machtstrukturen. Es prägt, wie wir die Zukunft denken und beeinflusst damit auch, wie wir sie gestalten. Damit ist es auch ein unterschätzter Faktor, der in einer Zeit des technologischen und gesellschaftlichen Umbruchs an Bedeutung gewinnt.
Ob Fusionskraftwerke, Flugtaxis oder Marskolonien – hinter diesen Projekten stehen nicht nur Ingenieur*innen, sondern vor allem Geschichtenerzähler*innen. Die Herausforderung besteht darin, diese Narrative kritisch zu hinterfragen: Welche Ideologien werden durch sie transportiert? Wer profitiert davon?
Und wie können wir eine Zukunft gestalten, die nicht nur den Träumen einer SciFi-begeisterten Elite entspringt, sondern den Bedürfnissen aller dient?
Und wie sieht das Konkret aus?
Statt auf technologische Fortschritte in der Zukunft zu hoffen, müssen wir die Lösungsansätze umsetzen, die schon heute bekannt sind. Verkehrswende (weg vom Auto), Weniger Flüge, Weniger Fleisch- und Tierprodukte, weniger Konsum insgesamt.
Unsere Handlungsfähigkeit ist solidarisch und liegt im Hier- und Heute. Nicht in den Sci-Fi Fantasien verballerter reicher Tech-Oligarchen.